Gerichtstermin vor der Abreise

Wir starten am Dienstag Nachmittag auf unsere Radreise auf die Lofoten. Wir, das sind Leon, Lena, Duc und ich. Ich habe die drei im letzten Jahr zuerst durch Extinction Rebellion und dann durch die Kampagne Stopp Oljeletinga! kennen gelernt. Leon und Lena studieren in Graz, und Duc hat seine Masterarbeit im Erasmussemester aus Aachen fertig geschrieben. Im Juni haben wir noch alle an den Aktionen von Stopp Oljeletinga! teilgenommen, zu deren Vorbereitung wir alle in den letzten Monaten beigetragen haben. Dazu möchte ich noch kurz ausholen.

Im Juni haben wir in Trondheim an verschiedenen Orten und Tagen insgesamt 5 Straßenblockaden durchgeführt, um durch gewaltlosen zivilen Widerstand die Forderungen der Kampagne an die norwegische Regierung in die Öffentlichkeit zu bringen. Diese lauten:

1. Der Stopp der Vergabe weiterer Lizenzen zur Suche nach neuem Öl.

2. Ein fairer Übergang der betroffenen Arbeitsplätze aus dem Sektor.

Die gewählte Taktik hat Wirkung gezeigt. Die Blockaden, welche zwischen 10-20 Minuten andauerten, bis die Polizei kam und die Demonstrierenden von der Straße entfernte, sorgten für viel Aufmerksamkeit in den norwegischen, landesweiten Medien. Politische Debatten, Fernsehbeiträge, Zeitungsartikel, Social Media Beiträge, Leserbriefe: Norwegen fängt an über das zu sprechen, was seit Jahren notwendig und nun überfällig ist. Wie kann die Suche nach weiteren Ölfeldern noch moralisch vertretbar sein, wenn Wissenschaft und internationale Gremien oder schlichtweg der Zustand des Planeten deutliche Hilferufe versenden?

Die Polizei hat nach den Festnahmen den weiteren Prozess dieses Falles sehr beschleunigt und so standen 12 Demonstrierende am 29. Juni vor dem Trondheimer Gericht. Ich wurde angeklagt, zum einen für die Unterbrechung des Verkehrs und zum Anderen für das Nicht-Folge-leisten der Anweisungen der Polizei. Ursprünglich hat sich die dadurch ergebende Geldstrafe auf 30.000 Kronen (~3.000€) belaufen. Vor Gericht, welches für die deutschsprachigen unter uns extra vom norwegischen ins Deutsche übersetzt wurde, hatten wir auch die Möglichkeit, uns zu verteidigen. Für mich und auch die anderen in der Gruppe ein historisches Ereignis: die Möglichkeit, unsere Beweggründe und die Dringlichkeit der Lage auch vor Gericht darzulegen. Und dabei auch an die Verantwortung der Gerichte zu appellieren, welche das Grundrecht schützen.

Wir setzen uns nicht aus Spaß auf die Steaße, verbringen mehrere Stunden im Arrest oder vor Gericht. Es ist vielmehr eine Handlung aus Verzweiflung, aber auch Hoffnung, dass dies der derzeit polarisierendste Weg ist, die politische Tagesordnung auf die relevanten Debatten zu fokussieren. Und selbst eine Kommission der norwegischen Regierung hat die weitere Ölexploration für verfassungswidrig erklärt.

Vor einer Woche, einen Tag vor unserer Abfahrt haben wir das Gerichtsurteil verkündet bekommen. Wir wurden für schuldig erklärt, das Gericht erkennt unsere Beweggründe jedoch an. Meine Strafe wurde von 30.000 NOK auf 19.000 NOK reduziert. Die Aufmerksamkeit in den Medien geht weiter und die Hoffnung keimt immer stärker auf, dass die Kampagne in einem nächsten Aktionszeitraum im Herbst größer und lauter und somit auch politischer wird.

Diese Kampagne kostet Geld: Materialien, Essen, Rechnungen für Flyer, Plakate etc. Von den Strafen ganz abgesehen. Derzeit wird es so aussehen, als würde ich die Strafe alleine abdecken müssen. Um weiter machen zu können, sind wir auf Fundraising und Crowdfunding angewiesen. Wenn ihr also auch die Kampagne unterstützen wollt, dann schaut gerne hier vorbei: https://gofund.me/60453ec4

Jedenfalls, nachdem das alles gesagt ist, können wir uns ja auf den Weg auf die Lofoten machen. Circa 1.000 km auf dem Rad entlang des Eurovelo 1, der Nordatlantischen Küstenroute liegen vor uns. Im nächsten Beitrag berichte ich dann weiter vom Start der Reise durch den norwegischen Regen…

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