Im wahrsten Sinne holprig

Seit mittlerweile fast einer Woche unterwegs haben wir es schon bis Puerto Natales geschafft. Leider nicht ganz mit den Verkehrsmittel, welches wir uns erhofft haben. Wir mussten für das Stück zwischen Punta Arenas und Puerto Natales auf den Bus umsteigen.

In den Tagen zuvor hat noch alles so ziemlich gut geklappt. Sehr spontan entscheiden wir uns nach der Ankunft in Punta Arenas noch die Fähre über die Magellanstraße zu nehmen. Duc mochte unbedingt Pinguine sehen (und Anne auch – nur eben ein bisschen weniger) und circa 100 km entfernt gibt es in der „Useless Bay“ die einzige Königspinguinkolonie auf dem Festland zu bestaunen. Da die Straße auf diesem Teil sehr holprig ist, und uns somit ein Tag auf holprigen Straßen mit starkem Wind, sowie ein Tag zurück bevorsteht, versuche wir unser Glück per Anhalter. Schon beim ersten Auto haben wir Glück und wir werden von einem deutschen Reisetrio mitgenommen. Die Pinguine sind faszinierend und ziemlich imposant. Sie werden seit 2011 durch das Naturreservat geschützt – man muss sich mal vorstellen, dass bis zuvor Touristen versuchen, Pinguine zu schnappen, um sie in ihr Auto zu packen.

Wir kommen wieder spät in Punta Arenas mit der Fähre an. Als wir schnell das Zelt für die Nacht aufbauen wollen, bricht eine Zeltstange, weil Duc sie aus Versehen nicht richtig zusammensteckt. Da es mittlerweile 23.30 Uhr ist, schlafen wir einfach ohne Zelt und suchen am nächsten Tag nach einer Lösung.

Das ist ja meist das schöne an solchen Situationen. Die eigene Hilflosigkeit bringt nette Begegnungen hervor mit Menschen, die bedingungslos ihre Arbeit für einen kurzen Moment stehen und liegen lassen, um weiterzuhelfen. So auch mit unser improvisierten Lösung für die Zeltstange. Drei Jungs von der Ferreteria (sie haben sehr viele Rohre dort) sägen uns schließlich ein Stück, welches von nun an als Schiene dient. Zelt wieder repariert.

Und Ducs Fahrrad? Wir haben es ja gebraucht in Santiago gekauft. Es sah ganz brauchbar aus, aber von einer Noname Marke. Als wir Punta Arenas Richtung Puerto Natales verlassen, fängt Alfredo (besagtes Fahrrad) an zu streiken. Die Hinterachse ist Metallsalat, also komplett zermürbt und die Kettenblätter schräg und quasi lose. Wir rollen zum Flughafen zurück, was immerhin 5km waren. Die letzten Meter für Alfredo und trotz zerstückelter Hinterradachse fährt er sich noch irgendwie zu seinem letzten Ziel. Die Entscheidung ist dann schließlich: Fahrrad zurücklassen, Anne fährt nach Punta Arenas zurück, weil sie dort mit dem Fahrrad den Bus nehmen wird und Duc steigt am Flughafen zu. So landen wir noch am Abend in Puerto Natales. Das spart uns auch eine Menge Seiten- und Gegenwind. Wenn es hier eine Konstante gibt, dann ist es der Wind.

In Puerto Natales finden wir dann ein neues Fahrrad, wir taufen es Don Carlos. Ein Mountainbike, dass sowohl Ducs Fahrstil (pff. – Kommentar von Duc) als auch den Straßenverhältnissen gerecht wird. Nach einem informativen Nachmittag im Radladen, machen wir uns noch am Abend auf den Weg zur Laguna Sofia. Ein wunderschöner See umgeben von Bergen und Steppenlandschaft. Wir klettern am nächsten Tag eine Route, bekommen Gebäck von anderen Campern geschenkt und können anhand der Lautstärke der Wellen erahnen, wie stark der Wind gerade bläst.

Da Duc ein paar Bewerbungsgespräche hat, halten wir uns in den nächsten Tagen vor allem in und um Puerto Natales auf.

Wir befinden uns ein bisschen im Zweispalt, wenn wir von den erschreckenden Nachrichten aus Lützerath hören. Wären wir in Europa, würden wir zu diesen Zeiten unsere Solidarität mit den Demonstrierenden zeigen und wahrscheinlich dabei sein. Das geht nunmal nicht, wenn man 13.500 km entfernt ist. Umso schockierender die Nachrichten zu lesen und sehen, die einen ein bisschen den Glauben an Politik und Rechtsstaat verlieren lassen. Auf der anderen Seite merke ich (Anne), wie diese Reise mir wieder dabei hilft, den Glauben an die Menschheit zurückzugewinnen. Sei es durch das freudige Hupen von vorbeifahrenden Autofahrenden, die bedingungslose Hilfe die wir in jeder danach suchenden Situation bis jetzt gefunden haben oder die offenherzige Gastfreundschaft.

Wütendster Moment: Übermüdet beim Aufbau des Zeltes zu realisieren, dass die Zeltstange nun gebrochen ist, und sie innerhalb der nächsten 20 Minuten auch nicht mehr reparierbar ist.

Netteste Begegnung: Am ersten Abend in Puerto Natales lernen wir Tomás beim Bouldern kennen. Er arbeitet als Kletterführer und ist sofort offen und humorvoll. Wir wollen am Sonntag eigentlich zusammen klettern, aber er hat am Tag davor ein Konzert und ist daher nicht so ganz in Form 😀 Aber wir haben vielleicht noch ein paar Möglichkeiten 🙂

Leckerste Neuentdeckung: Wir essen, weil es so gut ist, vier mal hintereinander Nudeln mit Soja-Hack und Tomatensoße (wahlweise anderes Gemüse).

¡Hasta Luego, Santiago de Chile!

Wir haben nach dem Straßenkampf beim Plaza de Armas entschieden, ein etwas sicheres Viertel aufzusuchen, wo die 30°C Sonne nicht nur den Uringeruch in die Höhe befördert, sondern auch die Müllberge direkt zu Kompost verwandelt.

Außerdem wollten wir nicht immer mit Angstschweiß bedeckt den Heimweg antreten. Es ist auch leider wenig übertrieben, denn scheinbar weiß jeder außer wir, dass man um 23 Uhr im Zentrum nicht mehr durch die Straßen laufen sollte. Entsprechend leer ist es und keiner ist da, der, falls man überfallen wird, einem zumindest unterstützende Blicke zuwerfen kann, so dass man nicht direkt abgestochen wird.

Wir schliefen also bei Hugo und Andrea (und Lukas, Suki und Sarah) für die nächsten 7 Tage, um die Dinge vorzubereiten, für die wir hier angetreten sind: die Hochzeit von Marcela und Bogdan und die Fahrradreise durch Patagonien.

tägliches Erwachen der Anden. Sicht: aus unserem Fenster

Nun zuerst zur Hochzeit. Marcela und Bogdan haben eine unglaubliche Hochzeit auf die Beine gestellt. Alles war bis auf das kleinste Detail durchdacht und wir mussten uns quasi nur schick machen. Haben wir dann getan, mit Friseurbesuch und Schuhkauf. Bilder sagen hier in diesem Fall mehr als Worte. Viel Liebe an Marcela und Bogdan an dieser Stelle ❤

Nach zahlreichen Pisco Sours ging das dann für ein paar Stunden

Die Fahrradreise: Nach einiger Recherche und liebevoller Unterstützung haben wir für Patagonien alles zusammen. Die beste Ausstattung, ein Gravelbike für 2000 Euro und eine Lebenversicherung. Zu dem eine 3000km detaillierte Fahrradroute, in der mehrere Worst-Case Scenarios mit Alternativen abgesichert sind… habe ich ungefähr meinen Eltern erzählt. In Wirklichkeit sind wir vielleicht nicht ganz so organisiert unterwegs — wie sich herausgestellt hat, ist das mit Duc auch einfach schwer bis unmöglich möglich. Er hat sich ein Secondhand Rennrad geholt, das zwar etwas dickere Reifen hat, aber die Gabel zu kurz ist für den 28 Zoll Reifen. Nach dem Kauf mussten wir auch erst mal zur Werkstatt, weil die Hinterachse getauscht werden muss. Ein Gepäckträger war auch nicht dran und bei den Bremsen funktioniert auch eher nur die eine. Oder keine.

Ansonsten ist eine der erstklassischen Vaude Fahrradtaschen gerissen und ich habe nach eins, zwei Stunden Klebversuch ein Déjà Vu – meine Finger sind komplett mit Sekundenkleber verklebt und die Tasche hatte immer noch ein dezentes Loch. Erste Erfahrungen mit Sekundenkleber im gewohnten Gebrauch und das Resultat ist genauso wie beim Klimaaktivismus. Das einzige was bleibt ist Kleber an den Händen. Nun, wir entscheiden uns später, einfach nur Dinge in die Tasche zu legen, die nass werden können. Also die Yogamatte und die Essensboxen..

Der Plan für die ersten Tage des Radtrips sehen auch eher spontan aus. Aber Pinguine und Klettern stehen auf der Wochenliste. Probleme auf diesem langen Weg sind mit Duc quasi garantiert. Aber dafür schätze ich ihn auch ein bisschen. Auf jeden Fall, das Vagabundenleben hat Abenteuer vorprogrammiert und ich hoffe ihr bleibt gespannt dabei.

Mit Hugo und Andrea haben wir ein kleines WG Leben etabliert. Duc hat Banh Xeo gemacht, und wir haben zuvor in Vega die Zutaten gekauft. Vega ist eine Markthalle mit Tomatenpyramiden, Avocadobergen und Ananasketten wo das Auge hinfällt und Latino Musik im Hintergrund. Die Preise sind alle 1/3 von den Supermarktpreisen und ich frage mich, warum man überhaupt jemals zu einem Supermarkt gehen möchte, wenn man dort, nach Vega, gehen kann.

Morgen um 2:30 Uhr geht es dann nach Punta Arenas. Juhu!

P.S. das ganze sieht zwar aus als hätte, Ich, Anne das geschrieben, aber eigentlich war es Duc.

Ich wollte ja niemanden den Blog klauen.

Familiärster Moment der Woche: Marcelas Papa kommt während der Hochzeit extra vorbei, um sicher zu stellen, dass Anne einen veganen Mitternachtssnack bekommt. Und bringt noch die übrig gebliebenen Früchte vom Dessert vorbei. (Und generell die bedingungslose Aufnahme von Marcela und ihrer Familie <3)

WG Moment: Die vergangene Woche in einem deutlich ruhigeren Viertel der Stadt führte uns ja wie erwähnt in eine kleine WG: neben Hugo und Andrea, ihren vielen Vierbeinern ist auch Kawey mit uns eingezogen, die im Rahmen ihres Studiums in der chilenischen Hafenstadt Concepcion für zwei Wochen in Santiago ist. Es entstehen viele schöne Momente bei diesem Zusammenleben, die definitiv zu unserem unvergesslichen Santiago Aufenthalt beitragen.

Zweitschönste Begegnung: Ein Freund aus Trondheim leitet uns den Kontakt des Bruders seines Bruders Frau (haha ja das lassen wir mal so stehen) Joaquin weiter, welcher in Santiago wohnt. Wir treffen uns auf ein Bier und merken schnell, dass wir auf einer Wellenlänge sind. Begeistert von der Schönheit Patagoniens bei seinem letzten Trip ist er so motiviert und stellt uns einfach so einen siebenseitigen Reiseführer zusammen.

Traurigster Moment der Woche: Das Lesen einer Kolumne der Zeit bringt uns auf dieses Video. Der (nicht nur) in Nigeria sehr bekannte Rapper Burna Boy hat diese 16-minütige Dokumentation produziert, um auf die Missstände in seinem Heimatland aufmerksam zu machen. In der Hafenstadt Port Harcourt wurde vor einigen Jahrzehnten ..na was… Öl entdeckt. Zum Fluch des Landes und seiner Einwohner. Menschen husten schwarzen Atem und bekommen schwarze Hände beim Türe öffnen. Und das Land erlebt mittlerweile schon die tragischen Auswirkungen unserer westlichen Sucht nach fossilen Energieträgern.. Hier das Video: https://www.youtube.com/watch?v=YzbHv6_zOFU

Von einer langen Anreise und einem kurzem Silvester

¡Hola y feliz Año Nuevo!

Wir sind angekommen und haben mittlerweile schon den ersten Sonnenbrand und ein neues Jahr. Aber noch einmal von vorne…

Angefangen hat unsere Reise am Donnerstag früh morgens. Duc steigt um 4.50 Uhr in Frankfurt in den Flixbus ein. Anne kommt um 6.30 Uhr in Karlsruhe nach. Vor uns liegen noch weitere 27 Stunden Busfahrt durch Frankreich und Spanien bis Madrid.

Hintergrund ist, dass wir die enormen ökologischen Auswirkungen des Fluges durch den Direktflug ab Madrid so gering wie eben möglich halten möchten. Daher die Entscheidung mit dem Flixbus den Landweg in Europa vorzunehmen. Wir sind froh mit all unserem Gepäck nun angekommen zu sein, denn zwischendrin konnte man schnell dran zweifeln.

Unser spanisches Busfahrertrio hat sich auf der ganzen Fahrt sehr rührend um alle Schäfchen im Bus gekümmert. Jedes Mal durchgezählt ob nach der Pause alle da sind, und sich generell stark bemüht, dass jeder einen guten Platz hat. Die Busfahrer im öffentlichen Nahverkehr in Madrid hatten da weniger Mitleid. Als sie uns mit dem Fahrradkarton und dem großen Seesack im Gepäck sehen, schließen sie wieder die Türen. Mit der Metro hatten wir dann mehr Glück.

Die Idee für die Reise wurde ausgelöst durch die Hochzeit guter Freunde aus Trondheim. Marcela ist Chilenin, Bogdan aus Rumänien. Die beiden haben während der Pandemie im kleinen Kreis in Rumänien geheiratet, aber chilenische Familien lassen sich diesen Anlass für ein großes Fest nicht entgehen. Wir werden von Bogdan abgeholt und sehr gastfreundlich empfangen in Marcelas Elternhaus. Es gibt Marquetta mit Avocado – beides typisch chilenische Speisen, die mindestens einmal am Tag verzehrt werden.

Am Flughafen konnten wir dann schließlich problemlos das Gepäck loswerden und so zu einer kleinen Bouldereinheit in Madrid aufbrechen. Ein guter Ausgleich für den darauffolgenden 13,5 Stunden Flug nach Santiago de Chile. Zwischen Chile und Mitteleuropa sind derzeit 4 Stunden Zeitverschiebung. Wir fliegen über Nacht und landen um 9.20 Uhr nach chilenischer Ortszeit.

Am Tag unserer Ankunft regnet es. Leicht. Jede Person mit der wir reden versichert uns, dass das eine große Ausnahme ist. Normalerweise ist es im Sommer hier 3-4 Monate trocken und heiß. Da ist kein Platz für Regen. Bogdan war schon acht mal in Chile während des Sommers und das war das zweite Mal, dass er Regen erlebt. Für uns, die wir aus dem Winter kommen, ist dieser Tag allerdings ein angenehmer Übergang.

Wir verbringen unsere ersten zwei Nächte in einem AirBnb in der Innenstadt. Kein Fehler, aber eine Erfahrung. In den letzten Jahren findet in Chile ein großer Um- und Aufbruch statt. Dieser passiert vor allem in der Innenstadt. Graffiti, Müllberge, imposante Gebäude, Palmen, Armut und Representation reihen sich aneinander. Im neuen Jahr schaffen wir es nur 15 Minuten wach zu bleiben, da die letzten drei Reisetage unsere Lider schwer machen. Anne wacht später in der Nacht auf, weil sie von lautem Geschrei geweckt wird. Offensichtlich ein Straßenkampf, der Vermieter unserer Unterkunft versuchte die Polizei zu rufen, aber kein Erfolg da wohl wegen Neujahr die Kapazitäten geringer waren.

Am Nachmittag des 1.Januar sind wir bei Marcela zum Grillen eingeladen. Viele ihrer Familienmitglieder sind auch dabei. Ein schöner Start ins neue Jahr!

Hier noch weitere Eindrücke der letzten Tage. Wir freuen uns auf mehr!

Gerichtstermin vor der Abreise

Wir starten am Dienstag Nachmittag auf unsere Radreise auf die Lofoten. Wir, das sind Leon, Lena, Duc und ich. Ich habe die drei im letzten Jahr zuerst durch Extinction Rebellion und dann durch die Kampagne Stopp Oljeletinga! kennen gelernt. Leon und Lena studieren in Graz, und Duc hat seine Masterarbeit im Erasmussemester aus Aachen fertig geschrieben. Im Juni haben wir noch alle an den Aktionen von Stopp Oljeletinga! teilgenommen, zu deren Vorbereitung wir alle in den letzten Monaten beigetragen haben. Dazu möchte ich noch kurz ausholen.

Im Juni haben wir in Trondheim an verschiedenen Orten und Tagen insgesamt 5 Straßenblockaden durchgeführt, um durch gewaltlosen zivilen Widerstand die Forderungen der Kampagne an die norwegische Regierung in die Öffentlichkeit zu bringen. Diese lauten:

1. Der Stopp der Vergabe weiterer Lizenzen zur Suche nach neuem Öl.

2. Ein fairer Übergang der betroffenen Arbeitsplätze aus dem Sektor.

Die gewählte Taktik hat Wirkung gezeigt. Die Blockaden, welche zwischen 10-20 Minuten andauerten, bis die Polizei kam und die Demonstrierenden von der Straße entfernte, sorgten für viel Aufmerksamkeit in den norwegischen, landesweiten Medien. Politische Debatten, Fernsehbeiträge, Zeitungsartikel, Social Media Beiträge, Leserbriefe: Norwegen fängt an über das zu sprechen, was seit Jahren notwendig und nun überfällig ist. Wie kann die Suche nach weiteren Ölfeldern noch moralisch vertretbar sein, wenn Wissenschaft und internationale Gremien oder schlichtweg der Zustand des Planeten deutliche Hilferufe versenden?

Die Polizei hat nach den Festnahmen den weiteren Prozess dieses Falles sehr beschleunigt und so standen 12 Demonstrierende am 29. Juni vor dem Trondheimer Gericht. Ich wurde angeklagt, zum einen für die Unterbrechung des Verkehrs und zum Anderen für das Nicht-Folge-leisten der Anweisungen der Polizei. Ursprünglich hat sich die dadurch ergebende Geldstrafe auf 30.000 Kronen (~3.000€) belaufen. Vor Gericht, welches für die deutschsprachigen unter uns extra vom norwegischen ins Deutsche übersetzt wurde, hatten wir auch die Möglichkeit, uns zu verteidigen. Für mich und auch die anderen in der Gruppe ein historisches Ereignis: die Möglichkeit, unsere Beweggründe und die Dringlichkeit der Lage auch vor Gericht darzulegen. Und dabei auch an die Verantwortung der Gerichte zu appellieren, welche das Grundrecht schützen.

Wir setzen uns nicht aus Spaß auf die Steaße, verbringen mehrere Stunden im Arrest oder vor Gericht. Es ist vielmehr eine Handlung aus Verzweiflung, aber auch Hoffnung, dass dies der derzeit polarisierendste Weg ist, die politische Tagesordnung auf die relevanten Debatten zu fokussieren. Und selbst eine Kommission der norwegischen Regierung hat die weitere Ölexploration für verfassungswidrig erklärt.

Vor einer Woche, einen Tag vor unserer Abfahrt haben wir das Gerichtsurteil verkündet bekommen. Wir wurden für schuldig erklärt, das Gericht erkennt unsere Beweggründe jedoch an. Meine Strafe wurde von 30.000 NOK auf 19.000 NOK reduziert. Die Aufmerksamkeit in den Medien geht weiter und die Hoffnung keimt immer stärker auf, dass die Kampagne in einem nächsten Aktionszeitraum im Herbst größer und lauter und somit auch politischer wird.

Diese Kampagne kostet Geld: Materialien, Essen, Rechnungen für Flyer, Plakate etc. Von den Strafen ganz abgesehen. Derzeit wird es so aussehen, als würde ich die Strafe alleine abdecken müssen. Um weiter machen zu können, sind wir auf Fundraising und Crowdfunding angewiesen. Wenn ihr also auch die Kampagne unterstützen wollt, dann schaut gerne hier vorbei: https://gofund.me/60453ec4

Jedenfalls, nachdem das alles gesagt ist, können wir uns ja auf den Weg auf die Lofoten machen. Circa 1.000 km auf dem Rad entlang des Eurovelo 1, der Nordatlantischen Küstenroute liegen vor uns. Im nächsten Beitrag berichte ich dann weiter vom Start der Reise durch den norwegischen Regen…

Wie es begann… Stopp Oljeletinga!

Seit August 2021 studiere ich meinen Master in Norwegen. Der Aufenthalt in diesem Land prägt mich in vielerlei Hinsicht, ich lerne und genieße viel. Eine Sache, welche mich hier in Norwegen auch von Anfang an begleitet, ist der Klimaaktivismus. Ich möchte dazu im folgenden Beitrag ein bisschen ausholen…

Schon lange vor meinem Bachelorstudium im Fach Umwelttechnik habe ich mich mit Nachhaltigkeit, einem fairen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen und innovativen Lösungen zu den erwartenden Klimawandelfolgen auseinandergesetzt. Ich ernähre mich nun schon länger vegan, kaufe Hafermilch und feste Seife, vermeide das Flugzeug, engagiere mich in diversen Organisationen und versuche meinen persönlichen CO2-Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. So gering, wie er sein müsste, kann er für mich als in Deutschland/ Norwegen lebende Person aber gar nicht sein. Unser System verträgt sich einfach nicht mit den Grenzen unseres Planeten. Ich bin frustriert von den schleppenden (politischen) Veränderungen, persönlichen Anfeindungen wenn ich vielleicht mal Jogurt esse und der Übertragung der Verantwortung auf das Individuum. Mit Bambuszahnbürste und Elektroauto allein kaufen wir uns leider keine lebenswerte Zukunft. Und mittlerweile habe ich Angst. Angst vor den Zuständen, auf die sich unser Planet zubewegt und in denen er sich schon befindet. Angst vor der Zukunft: meiner, deiner aber vor allem der der nächsten Generationen.

Viele wissenschaftliche Veröffentlichungen, allen voran der neueste und sechste Sachstandsbericht des IPCC (IPCC, 2022) machen (schon lange) auf die katastrophalen Zustände aufmerksam. Ausreichend gehört und umgesetzt wird allerdings nichts. Die folgenden Zitaten verdeutlichen dies:

  • It is a file of shame, cataloging the empty pledges that put us firmly on track toward an unlivable world,“ sagt Antonio Guterres zu den Enthüllungen des IPCC Reports (CBC, 04.04.2022).
  • Schon im Jahr 2021 sagt Fatih Birol, Executive Director der International Energy Agency, 18th May 2021.“If governments are serious about the climate crisis, there can be no new investments in oil, gas and coal, from now – from this year.”
  • Im Jahr 2022 sind das dann noch 2-3 Jahre… Professor Sir David King, former UK Government Chief Scientist, February 2021: “What we do in the next 3 to 4 years will, I believe, determine the future of humanity” 
  • The scientific evidence is unequivocal: climate change is a threat to human wellbeing and the health of the planet. Any further delay in concerted global action will miss a brief and rapidly closing window to secure a liveable future,” sagt Klimaforscher Hans-Otto Pörtner. (IPCC, 28.02.2022)

Im April bin ich daher nach Oslo gefahren, um auf Öllastwagen zu klettern und dabei Verhaftungen zu riskieren. Ich saß sechs Mal in einem Polizeiwagen und war zwei Mal in Polizeigewahrsam. Diese friedlichen Aktionen des zivilen Ungehorsams waren Teil der internationalen Kampagne „Stopp Oljeletinga!“(dt: Stoppt die Ölexploration!). Diese fordert von der norwegische Regierung die sofortige Beendigung der Lizenzierung weiterer Explorationsprojekte für fossile Brennstoffe. Außerdem einen fairen Übergang der betroffenen Arbeitsplätze im Sektor. Ehrlich gesagt, sollte das logisch sein. Der UN-Generalsekretär Antonio Guterres betont, die gefährlichen Radikalen seien nicht die Klimaaktivisten, sondern die Regierungen, die weiterhin fossile Brennstoffe finanzieren. Wie kann es Norwegen also vertreten nach NEUEM Öl zu suchen, dessen Förderung in 15 Jahren zu erwarten ist?


Mir ist bewusst, dass die Auseinandersetzung mit Klimaaktivismus stark mit meinen Privilegien verbunden ist (danke Mama und Papa <3). Ich habe die finanziellen Mittel, um eine höhere Bildung zu genießen, mich gesund zu ernähren und mich nun auch an diesen teuren Formen des Protests zu beteiligen. Ich leide nicht unter rassistischen Anfeindungen oder anderen Formen von Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht. Dieses Privileg bedeutet auch, dass ich von den katastrophalen Veränderungen, die das IPCC vorhersagt, weniger betroffen sein werde als die meisten anderen. Und ganz zu schweigen von den Generationen, die nach mir kommen. Daher möchte ich dieses Privileg nutzen, mich für jene einzusetzen, die es nicht haben. Wenn ich es nicht tue, wer wird es dann tun?
Ich möchte mich nicht am zivilen Ungehorsam beteiligen. Ich klettere lieber am Fels als auf Öllastwagen, aber ich sehe keine andere Möglichkeit mehr. Historisch gesehen war gewaltfreie direkte Aktion das effektivste demokratische Instrument, um notwendige systemische Veränderungen zu erreichen (siehe Freedom Riders in den USA, Suffragettes in den UK, und viele weitere), und es ist die einzige Option, die uns noch bleibt.

Im Juli fahre ich mit dem Fahrrad und einem guten Freund Leon, mit welchem mich viele Dinge wie unter anderem der Klimaaktivismus verbinden, auf die Lofoten. Unsere Reise könnt ihr hier nachverfolgen. Da Klimaaktivismus ohne finanzielle Unterstützung nicht möglich wäre, ist die Kampagne auf Spenden angewiesen: für Material, kleine Besorgungen und viel Essen oder mal eine Tafel Schokolade. Danke für euren Beitrag – das Geld wird vollständig an Stopp Oljeltinga! weitergeleitet. Die Spendenkampagne ist hier verlinkt – danke! ❤

Meldet Euch bei Fragen oder wenn ihr interessiert seid, Maßnahmen zu ergreifen, um auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

God Jul og God Nyttår!

Wow, das erste Mastersemester ist zu Ende. Also fast, zumindest die Zeit davon, die ich in Trondheim verbringe. Morgen sitze ich im Zug, um mich langsam auf den Weg nach Deutschland zu machen. Driving home for christmas…

Letztens habe ich durch die Bilder gescrollt und ich bin wirklich einfach nur dankbar, für die wertvolle Erfahrung, die ich mir in diesem Jahr irgendwie selbst geschenkt habe. Ich vermisse es oft, mit meinem Fahrrad unterwegs zu sein. Vor allem, als ich im letzten Monat wegen Schnee und Glätte nicht mehr fahren konnte. Aus Deutschland werde ich dann Fahrrad-Winterreifen mitbringen – mal sehen wie das klappt.

Es ist vielleicht ja schon das ein oder andere Mal durchgeklungen, dass ich mit den Inhalten des Studiengangs nicht so 100% zufrieden bin. Das ’Urban Ecological Planning’ hat sich eher als ’Urban (Social) Planning’ herausgestellt. Total spannend und interessant, aber mir haben Worte wie CO2, Solarzelle und Effizienz schon irgendwie gefehlt. Das Projekt, welches wir dieses Semester in einem Trondheimer Stadtteil durchgeführt haben, war dennoch eine wertvolle Erfahrung. Der Kern meiner Gruppe ist zu Freunden geworden und es hat einfach Spaß gemacht zusammen in Diskussionen richtig zu streiten, sich allerdings zwei Minuten später wieder lieb haben und zum Mittagessen zu gehen. Nach dem Mittagessen gab es dann meist einen kleinen Spaziergang. Wenigstens ein paar Minuten Tageslicht live zu erleben, ist dann schließlich doch was schönes. Auch wenn einen die Sonne zu jeder Zeit in der sie da ist (derzeit 10-14 Uhr), blendet, weil sie so tief steht und der wärmende Effekt irgendwie ausbleibt, ist es immer erstaunlich die Kraft der Sonne zu spüren.

Nun haben wir gestern unsere Endabgabe eingereicht. Bhuvana und ich haben dafür sogar zwei Nächte in der Uni übernachtet, haben bis um 4 Uhr gearbeitet und am Tag der Abgabe schließlich fünf Minuten vor Mitternacht das Dokument eingereicht. Nun folgen nur noch ein paar kleinere Abgaben, bis dann wirklich das erste Semester vorbei ist.

Neben viel Uni habe ich die Winter- und Vorweihnachtszeit in Norwegen sehr genossen. Wir wurden sogar schon Ende November mit ausreichend Schnee versorgt. So konnten wir Langlaufen gehen, oder einen Hüttenausflug in der Winterlandschaft genießen. Mein Dezemberbad im Fjord habe ich in Kombination mit Saunagängen auch schon erlebt.

Die Bilder stammen vom Langlaufen, Trondheim im Schnee, der Extinction Rebellion Aktion gegen Black Friday und für einen Systemwandel oder Blick auf die Rückseite des Hauptgebäudes der Uni.

In diesem Sinne wünsche ich eine weiterhin fröhliche Vorweihnachtszeit und erholsame Feiertage und einen sonnigen Start ins neue Jahr! Eure Anne

Schon die erste Weihnachtsfeier

Passend zur Dunkelheit und glatten Straßen war ich am Wochenende auf der ersten Weihnachtsfeier (Norwegisch: Julebord) der Saison. Als Mitglied des Social Committees der Unisport-Laufgruppe habe ich diese mitorganisiert. Auf der “Studenterhytta“ haben wir nach einem leckeren Weihnachtsdinner getanzt, gespielt und die Sauna genossen. Die Hütte wird seit über hundert Jahren von und für Studierende betrieben und liegt in Bymarka. Neben Estenstadmarka, direkt bei mir um die Ecke, ist Bymarka ein weiteres Waldgebiet und Naherholungsgebiet der TrondheimerInnen.

Bereits am Wochende zuvor sind schon weihnachtliche Gefühle aufgekommen. Mit einigen Klassenkameraden aus Chile, Mexiko, Indien und den USA habe ich die Fähre auf die andere Seite des Trondheim Fjord genommen. Von dort sind wir losgewandert, zuerst durch nasse Wälder bis wir dann über der Baumgrenze in der Winterlandschaft unterwegs waren. Den Abend und die Nacht haben wir gemütlich auf einer der NTNUI Hütten, den für Gruppen buchbaren Hütten des Unisports verbracht. Auf dem Rückweg haben wir bei einer sonnigen Pause Trondheim auf der anderen Seite des Fjordes im Nebel liegen sehen und uns entschieden, eine Fähre später zu nehmen.

Den international Lunch haben wir als Tradition im Studiengang bereits im August begonnen. Einmal pro Monat bringt jedeR eine Speise aus dem Heimatland mit. Den letzten International Lunch haben wir im Rahmen des hinduistischen Festival des Lichtes: dem Diwali-Festival zelebriert. Meine nepalesischen und indischen KlassenkameradInnen haben sich große Mühe mit der Dekoration gegeben und Angela hat den Mädels einen Bindi mitgebracht. Das ist der typische Kopfschmuck, welcher aufgemalt oder aufgeklebt auf der Stirn zwischen den Augenbrauen angebracht wird.

Die unibedingt stressfreiere Zeit im Oktober habe ich noch für einen Besuch in Aalborg (Dänemark) und Göteborg (Schweden) genutzt. Zwei meiner besten Freundinnen Lou und Vera wohnen und studieren derzeit in den beiden Städten. 16 Stunden (einfache) Reisezeit und drei verschiedene Verkehrsmittel (Zug, Bus und Fähre) haben mir einen wunderschönen und wohltuenden Kurzurlaub verschafft.

Das Studium läuft soweit – ich habe sehr viel zu tun. Jetzt stehen die letzten beiden Vorlesungswochen an, und mit dem Ende der Vorlesungen, beginnt auch eine kleine Flut an Abgaben. Vielleicht auch ganz gut sehr viel zu tun zu haben. Mittlerweile verlieren wir nämlich eine halbe Stunde Tageslicht pro Woche. Die Sonne steht so tief, dass man sich mittags um 12 geblendet fühlt und durch die Hügel um Trondheim herum, beginnt schon um viertel vor 3 die Dämmerung. Ich musste auch (Schweren Herzens) in ein Busticket investieren, da sich die Straßen in rutschige Flächen verwandelt haben. Armer Karl…

Mitte Dezember, wenn der Großteil der Abgaben erledigt ist, mache ich mich mit dem Interrail Ticket auf den Weg zurück nach Deutschland im Sinne von “Coming home for christmas“. So kann ich auch der dunkelsten Zeit in Norwegen entgehen 😀

Winterliche Grüße aus Trondheim,
Eure Anne

Einfach schon Oktober…

Mittlerweile sind seit meiner Ankunft in Trondheim 2 Monate vergangen. In mancher Hinsicht fühlen sich diese vergangenen 1.440 Stunden wie eine Ewigkeit aber auch wie ein Wimpernschlag an. Eins kann ich jedoch mit Sicherheit sagen: langweilig ist mir hier nicht.

Die Uni, bzw. nennen wir es hier immer Schule, beschäftigt mich weiterhin mit wöchentlichen Abgaben und der Projektarbeit. Wir hatten mittlerweile unsere erste große Präsentation, in die wir echt viele Stunden investiert haben. Auf das Ergebnis können wir aber auch stolz sein und das Feedback der Lehrenden hat das bestätigt.

Extinction Rebellion ist eine Umweltschutzbewegung, die vorrangig durch zivilen Ungehorsam versucht, auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und die Politik zum Handeln zu bringen. Auch hier in Trondheim gibt es eine kleine, aber wachsende Gruppe, bei der ich nun dabei bin. Vergangene Woche haben wir die erste Aktion seit der Pandemie gestartet und an zwei verschiedenen Stellen in der Innenstadt in mehreren Durchläufen für wenige Minuten den Autoverkehr blockiert. Das ist echt eine spannende Gruppendynamik, die da entsteht und wir haben es sogar in die Zeitung geschafft, wie auf den Bildern zu sehen ist.

Am vergangenen Wochenende habe ich hohen Besuch aus Oslo bekommen. Eva, eine langjährige Freundin aus der Schule und Julia machen derzeit ihr Auslandssemester in Oslo und sind für ein paar Tage nach Trondheim gekommen. So haben wir uns entschieden, für 1 Nacht in einer der Hütten der NTNU zu übernachten. Die Hognabu-Hütte liegt südöstlich von Trondheim mitten im Nationalpark „Skarvan og Roltdalen“. Nachdem wir am Samstag bei sonnigem Wetter an der Hütte angekommen sind, mussten wir am Sonntag dann im Dauerregen zurücklaufen. Ohne Auto waren wir auf den Bus angewiesen. Und „der Bus“ ist hier auch wirklich wörtlich gemeint. Sowohl am Samstag, als auch am Sonntag stand uns ein Bus pro Tag zur Verfügung. Und der am Sonntag fährt erst um 18:30 Uhr. Was also tun, wenn man völlig durchnässt, mit Schlamm in den Schuhen schon ab 14:00 Uhr an der Bushaltestelle stehen würde? Im Nassen und Kalten zu warten war für uns erstmal keine Option, und so haben wir kurzerhand bei einem der 10 Häuser in der anliegenden Ortschaft geklopft. Die 88-jährige Bewohnerin hat uns schon auf unserem Hinweg eifrig am Fenster zugewunken und uns drei tropfende Gestalten dann am Sonntag-Nachmittag bei sich aufgenommen. Magli ist total fit und mit ihrem Rollator eifrig durch die Wohnung gerollt, hat Kaffee gekocht und Süßes auf den Tisch gestellt. Auf gebrochenem Norwegisch, mit Zettel & Stift und dem Google Übersetzer haben wir dann die nächsten drei Stunden mit Magli geplaudert und uns und unser Gepäck getrocknet. Mit dem einzigen Bus sind wir dann auch am Abend schließlich in Trondheim angekommen und denken immer noch, dass das alles nur ein Traum war.

Es geht nun auch aufregend weiter – im Oktober findet das UKA-Festival in Trondheim statt. Das größte Kulturfestival Norwegens, welches vollständig ehrenamtlich von Studierenden organisiert wird. Viele Konzerte, Vorträge, Theater, Flammbläserkurse oder ähnliches sind teil des umfangreichen Programms. Ich habe ein Ticket für eine Outdoor Film Tour und ein Konzert. Eine willkommene Abwechslung, jetzt wo die Tage spürbar kürzer werden…

Die Bilder zeigen den Immatrikulierungsball der Studierendenvereinigung der Architektur-Fakultät mit meinen Klassenkameraden, Polarlichter in Trondheim, Sonnenuntergang am Trondheimer Strand Korsvika, die Extinction Rebellion-Aktion und das Hüttenerlebnis vom Wochenende.

Herbstliche Grüße aus Trondheim,
eure Anne

Ps.: Ich werde die Spendenaktion meiner Radreise in der nächsten Woche schließen und die Übergabe an GermanZero in die Wege leiten. Falls ihr eine gute Sache fürs Klima also noch unterstützen wollt, freuen wir uns über eure Spende! Ein Riesen Dankeschön an alle, die bereits zu diesem tollen Ergebnis beigetragen haben, das bedeutet mir viel. ❤
https://www.betterplace.me/bike-trip-to-trondheim

1 Monat in Norge 🇳🇴

Jetzt ist einfach schon einen Monat vergangen, seit ich in Trondheim angekommen bin. Und seit dem 13. August ist definitv viel passiert. Bewusst wird es mir vor allem, wenn man draußen sieht, wie mittlerweile eine herbstliche Färbung in der Natur liegt und der Sonnenuntergang jeden Abend ein bisschen früher ist.

Ich wusste ja, dass es hier oft regnet. Aber dass ich wirklich jeden Tag meine Regenjacke anziehe, einfach auch zur Vorsorge, fühlt sich dann doch anders an. Die Frage nach der Menge an Wasser, und wo es herkommt, zieht sich durch die Norwegen-Erfahrung. In der vergangenen Woche hat es tatsächlich jeden Tag quasi ununterbrochen durchgeregnet. Da würde mich ein Kommentar meines Abwassertechnik-Professors aus Konstanz interessieren.

An der NTNU haben wir letzte Woche den regulären Vorlesungsbetrieb aufgenommen und die Projektarbeit gestartet. Das war wirklich ein unerwarteter Sprung in kalte Wasser: ein bisschen von 0 auf 100 mit 3 Abgaben in der letzten Woche. Generell ist das Studium viel schulischer als erwartet. Ich werde am Ende des Semesters (im Dezember) keine Prüfungen haben, sondern nur Abgaben während des Semester und die Gruppenpräsentationen und -berichte. Das bedeutet aber auch, dass ich jede Woche mindestens eine Abgabe habe. Ich hoffe, dass die praktische Arbeit am Projekt bald deutlich mehr Zeit einnimmt. Denn das Lesen von wissenschaftlichen Texten und das Zusammenfassen und Kommentieren dieser, ist nicht unbedingt, was ich mir vom Studium erhoffe, sondern mehr ein Mittel zum Zweck.

Darüber hinaus komme ich jedoch sehr gut in Trondheim an. Ich bekomme diese Woche meinen eigenen Fahrrad-Anhänger, um foodsharing-Abholungen durchzuführen. Diese werden im Rahmen der »Folkekjøkken – Volksküche» durchgeführt. Im nächsten Covid-Öffnungsschritt darf auch die Küche wieder öffnen, und zwei Mal pro Woche wird dann für alle Hungrigen gekocht.

Die Wochenenden hielten Kruzurlaube bereit. Seitdem ich mich das letzte Mal gemeldet habe, habe ich ein Kletterwochenende nach Romsdalen und ein Hüttenwochenende nach Trollheimen erleben dürfen. Es tut einfach gut, raus zu kommen und die atemberaubende Natur zu genießen. In den Bildern nehme ich Euch mal ein bisschen mit. Die Hütten werden von der Sport-Vereinigung der NTNU, dem NTNUI betrieben. Nach der erfolgreichen Buchung (das Mittwoch-Morgen-Ereignis mit Anstehen ab 6 Uhr) kann man dann kurz vor Aufbruch den Schlüssel abholen und sich auf die Suche nach der Hütte machen. Wir hatten am Wochenende die am höchsten gelegene der NTNUI-Hütten (auf 1.200HM). Nach einer dreistündigen Wanderung erreicht man die Hütte, die an einem See liegt. Matratzen, eine Grund-Küchenausstattung und ein Plumpsklo findet man vor, den Rest trägt man hoch. Nachdem man dann erfolgreich ein Feuer entfacht und die Mägen gefüllt hat, lässt sich der Abend beim Kartenspielen im Kerzenschein ausklingen.

Nun bin ich gespannt auf die neue Woche, die Sonne verspricht nun den Regen für ein paar Tage zu besiegen. So können wir vielleicht nochmal grillen – wirklich eine beliebte Aktivität hier.

Herzliche Grüße aus Norwegen – eure Anne

Orientierung, die zweite

Nun ist es fast 2 Wochen her, dass ich in Trondheim angekommen bin. Seitdem gestaltet sich das Fahrradfahren wieder ein bisschen anders. Ich fahre zwar dennoch jeden Tag, nun findet sich Karl jedoch neben Artgenossen entweder im Fahrradkeller meines Wohnheimes oder an den Abstellplätzen an der NTNU wieder. Im Vergleich zu Konstanz ist das Fahrradfahren hier definitiv eine sportlichere Angelegenheit: die Stadt ist sehr hügelig. Vom Zentrum, das unten am Fjord liegt bis zu meinem Wohnheim im Stadtteil Moholt überwinde ich knappe 200 Höhenmeter. Noch macht es Spaß, ich bin gespannt, wie sich das im Winter ändern wird. 😀

In meinem rot-gelben Wohnheim habe ich mich mittlerweile bestens eingelebt. Das liegt zu großen Teilen an Theresa, eine meiner sieben MitbewohnerInnen. Wir verstehen uns richtig gut – haben gleich von Anfang an unsere gemeinsamen Interessen am Outdoor-Sport entdeckt und im zweiten Satz herausgefunden, dass Theresa selbst im Sommer eine mehrwöchige Fahrradreise von Rosenheim nach Istanbul unternommen hat. Wohnzimmer und Küche sind geputzt und umstrukturiert, nun kann ich mir gesellige Kochabende schon besser vorstellen.

Derzeit befinde ich mich in der zweiten Orientierungswoche an der NTNU. Letzte Woche hat wenig stattgefunden, neben einem ersten Kennenlernen und der Matrikulationszeremonie war das Programm sehr überschaubar. Das hat sich auch bestens mit dem Besuch von Mama, Papa und Christoph verstanden. Sie sind am Mittwoch mit dem Wohnwagen in Trondheim angekommen und haben meinen Umzug mitgebracht. Neben einigen wichtigen Dingen wie Matratze oder Teppich sind nun auch die wirklich relevanten Gegenstände wie Milchaufschäumer und Soda-Stream eingezogen.

Im Anschluss an den Umzug haben wir dann zu viert noch 3 Tage zusammen mit dem Wohnwagen verbracht und Norwegen erkundet. Wir waren in Innerdalen, dem schönsten Tal Norwegens. Die Wolken und der Regen, den wir dort betrachtet haben, lässt vieles vermuten. Dennoch hatten wir auch Glück und konnten nach ca. 700 Höhenmetern und einem Eisbad von Christoph und mir im Bergsee auch einen freien Blick auf das Tal genießen. Christoph hat sich dann am Sonntag auf seine zweitägige Heimreise nach Deutschland gemacht (inkl. Sightseeing in Oslo und Hamburg), Mama und Papa haben ihre Reise auf die andere Seite des Fjordes fortgesetzt und ich versuche herauszufinden, wie schnell ich es mit dem Fahrrad an die Uni schaffe.

In meinem Studiengang „Urban Ecological Planning“ sind wir circa 27 Studierende aus aller Welt. Neben drei NorwegerInnen bin ich die einzige Deutsche. Meine Kommilitoninnen kommen aus den USA, Mexico, Chile, China, Iran, Bangladesch und Indien. Wir alle haben unterschiedliche Hintergründe, haben teilweise schon gearbeitet oder einen anderen Master gemacht. Der Mix ist unglaublich spannend und der Austausch sehr bereichernd. Am Ende der dritten Orientierungswoche in KW35 werden wir dann auch in unsere Projekte eingeführt. Diese werden aufgrund von Covid nicht in Nepal, Uganda oder Indien durchgeführt, dafür in diesem Jahr in Trondheim selbst. Es handelt sich um drei Stadtteile, bzw. Quartiere in Stadtteilen, in welchen wir an die Umsetzung nachhaltiger Stadtplanung gehen. Die Projektarbeit wird von zwei Vorlesungen, welche montags und freitags stattfinden, gerahmt. Beim nächsten Mal kann ich sicher mehr berichten, noch wird die Spannung unserer Professoren (die hier alle beim Vornamen genannt werden) hochgehalten. Auf einem der Bilder könnt ihr das „Studio“ sehen – ein Raum der ganz unserer Klasse gehört und den wir gestalten und nutzen können, wie wir möchten. Total gut!

Die NTNU bietet echt eine kaum überschaubare Vielzahl an Möglichkeiten. Allen voran ist für mich vorallem der NTNUI, der Sportbereich, am reizvollsten. Von Quidditch über Langlauf und Schach kann man hier alles mitmachen. Darüber hinaus gibt es eigene Hütten in der Umgebung. Als Mitglied kann man diese für ca. 5€ pro Person buchen – deswegen sind Theresa und ich heute um 6 Uhr aufgestanden. Denn das Büro öffnet um 8 Uhr und die Erfahrungen von first come, first serve beweisen, dass der frühe Vogel den Wurm fängt.

Ich bin total glücklich, endlich hier zu sein und ein Leben aufzubauen. Der Besuch meiner Familie hat mir wieder einmal gezeigt, wie atemberaubend schön dieses Land ist. Nun habe ich die Möglichkeit, Land und Leute in aller Ausführlichkeit kennen zu lernen. Darauf freue ich mich sehr!

Herbstliche Grüße, viel Gesundheit und alles Gute aus Norwegen, Eure Anne

Bei Interesse könnt ihr hier auch den dritten und letzten Artikel meiner Reise im Südkurier lesen: https://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/23-tage-2250-kilometer-radelt-eine-konstanzer-studentin-fuer-den-guten-zweck-jetzt-ist-sie-am-ziel-und-hat-feuer-gefangen;art372448,10896352